Hoch- bis Spätmittelalter

 

Teilauszüge aus der Dorfchronik (Autoren Hilde Diercks und Wolfgang Miehle) anlässlich der 800-Jahr-Feier im Jahre 2005:

Unser Jubiläum im Jahre 2006 bezieht sich auf die erste urkundliche Erwähnung des Ortes im Jahre 1206. Eine Urkunde der Gemeinde Barskamp kündet vom Auftrag eine Kapelle im „Stiepelser Holz“ zu errichten.

Im Jahre 1209 wird im Zusammenhang mit der Verleihung der Stadtrechte an Bleckede durch Herzog Wilhelm der Barskamp-Stiepelser Wald erwähnt. Barskamp und Stiepelse lagen demzufolge auf derselben Seite der Elbe.

Unsere Gegend war in dieser Zeit vermutlich längst besiedelt, so dass wir annehmen müssen, dass unser Jubiläum eigentlich lange vorher hätte stattfinden müssen. Nach gesundem Menschenverstand wird man wohl keine Kapelle an einem unbesiedelten Ort errichten. Hinzu kommt, dass die Lage Stiepelses – ganz gleich ob es nun schon hier oder, was wahrscheinlicher ist, 300 m nördlich lag – so günstig war, dass es eine Besiedelung geradezu herausforderte.

Als die Friesen und Flamen im 13. Jahrhundert mit dem Versprechen der Abgabenfreiheit in die Gegend um Stiepelse gelockt wurden, waren sie schon 500 Jahre lang Christen. Der Ort ist einerseits Grenzgemeinde im Welfengebiet, liegt also im Christenland, begünstigt durch reiche Vegetation und deshalb hervorragend geeignet zur Zucht oder Fütterung des wichtigsten Haustieres, des Pferdes. Andererseits liegt es an einem Verkehrsknotenpunkt mit niedrigem Wasserstand und ist deshalb hervorragend als Übergang auf dem Weg zur Ostsee geeignet. Handelsgüter waren z.B. Salz aus Lüneburg zum Konservieren von Ostseefischen und Neuenkirchener Sandstein für die Ornamentik an Sakralbauten. Die Fische waren äußerst begehrt wegen der Fastenvorschriften der Kirche.

Die Kreuzung der beiden alten Reichsstraßen (Lüneburg – Lübeck und Hamburg – Schwerin) lag beim Dorf Hühnerbusch. (Dieser Ort findet sich aus diesem Grunde heute sogar in Navigationssystemen.)

Bei niedrigem Wasserstand passierten die Warentransporte die Elbe, die damals noch auf der Höhe von Krusendorf floss, so dass Stiepelse linkselbisch lag, sofern sich diese Frage im sumpfigen Gebiet überhaupt stellte. Der Stiepelser Wald und der Bleckeder Wald werden in einem Atemzug genannt.

Spätestens im Jahre 1300 liegt Stiepelse jedoch schon auf der rechten Elbseite, denn in der Barskamper Pfarrchronik wird über die Elbregulierung und den Deichbau in der Zeit von 1260 bis 1300 berichtet.

Ursprünglich konnte die Elbe sich hier in einem bis zu 15 km breiten Urstromtal zwischen den heutigen Elbbergen ungehindert ihren Weg suchen. Der Fluss war flach und bestand aus vielen Armen, die Form und Weg ständig veränderten. Noch heute weisen lang gestreckte Wasserflächen und Bracks bei Vockfey, Stapel sowie zwischen Sumte und Gülze auf das ehemalige „Flussbett“ hin.

Auch nach den ersten Deichbauten war der Fluss nichts Trennendes, sondern im Gegenteil eher Verbindendes fĂĽr die beiden Ufer.

Stiepelse hatte hier eine besondere Lage: Wer von Süden kam und nach Norden wollte, konnte hier „trockenen Karrens“ von Ufer zu Ufer gelangen. Dieses dürfte einer der Gründe für den Erfolg der Siedlung gewesen sein. Die Siedler aus Ostfriesland brachten Springestöcke mit, mit denen sie bis zu 6 Meter weit springen und auf diese Weise kleinere Wasserarme überqueren konnten. Lasten wurden auf Stak-Schlitten über Schlick und Sand gezogen. Söldner – sog. „Braunschweiger Fuhrleute“, der Sicherheitsdienst des frühen Mittelalters – schützten die Warentransporte vor Überfällen.

Vermutlich gab es in Stiepelse eine Station für den Pferdewechsel; zumindest wurden die Pferde hier gefüttert. Sehr wahrscheinlich nutzte man die Fütterungspause zu einer ausgiebigen Rast, wie sie noch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts unter Fuhrleuten üblich war. Das mag sowohl Ursache für eine gewisse Aufgeschlossenheit der Menschen sein, die man noch heute beobachten kann, als auch für den relativen Wohlstand des Dorfes. Nach wie vor gilt, dass Verkehr Geld in Orte trägt.

Von verheerenden Pestepidemien sind Stiepelse und die Dörfer der Umgebung wohl weitgehend verschont geblieben.

Im 30jährigen Krieg wurde Stiepelse zerstört und mehrere Einwohner durch die Soldaten des Bischofs von Halle ermordet. Diesmal wurde dem Ort seine Lage an der Hauptstrecke zum Verhängnis.

Die Dörfer an der Elbe hatten sehr unter den durchziehenden Truppen der verschiedenen Kriegsparteien zu leiden. Bei Einquartierungen mussten sich die Bewohner „außerhalb von Haus und Hof“ aufhalten, konnten ihre Felder nicht bestellen und ihre Wiesen nicht mähen. Hungersnöte waren die Folge. In den Amtsbüchern der damaligen Zeit findet sich hinter vielen Höfen der Vermerk „ist wüst“.

Die Kirchenbücher in Barskamp wurden im Jahre 1625 durch Mansfeldische Reiter vernichtet. Pastor Henricus Banse aus Bleckede (1661 – 1710) legte neue Kirchenbücher und eine neue Kirchenchronik an. Damals gehörten zum Kirchspiel die Ortschaften „Berscamp, Gödding, Garge, Stiepelitz, Gulstorff, Walmßburg, Bruchtorff, Catmin, Rezin, Köhling, Osterglov und Viehle“ (Quelle: Abschrift der Barskamper Pfarrchronik).

Die ältesten überlieferten Familiennamen werden auf einer Rechnung vom 18. Juli 1621 genannt: „Clawes Koweitz zu Stiepelß und Jürgen Ventschow zu Stiepelß“.

Die ersten Eintragungen im Heiratsregister der Stiepelser Einwohner im Kirchenbuch der St. Vitus-Kirche zu Barskamp stammen aus dem Jahre 1663. Auch Namen, die heute noch in Stiepelse vertreten sind, werden genannt. Von 1663 bis 1700 heirateten Personen mit folgenden Namen: Banßen (= Banse?), Timmermann, Fischer, Lütkenß (= Lütgens), Rasche (= Resch?), Meinß (= Meyn?) und Schröder. Mit hoher Wahrscheinlichkeit dürften auch heute noch direkte Nachfahren dieser Brautleute im Dorf leben.
Wie sah das Leben damals aus?
Hier bewegen wir uns im Bereich der Spekulation, weil zwar für das Leben in den mittelalterlichen Städten zahlreiche Berichte existieren, aber gerade für das ländliche Leben in der norddeutschen Landschaft wenige Zeugnisse gefunden werden können, obwohl doch die Bauern im Mittelalter ca. 90% der Bevölkerung ausmachten.

Hinzu kommt, dass die Bewohner des Flusstals ohnehin eine Sonderrolle einnahmen, weil sie „Freie“ waren – „von allen Lasten befreit bis in Ewigkeit.“ (Diese „Ewigkeit“ endete allerdings bereits mit dem 30jährigen Krieg im Jahre 1648.) Dies war der Köder, um Menschen zu bewegen sich den Widrigkeiten in einer dem Wasser ausgesetzten Landschaft zu stellen. Ohnehin hatten sie erhebliche Lasten und Lebensrisiken zu tragen, so dass man sie wenigstens von Abgaben frei stellte.

Das Leben der Siedler im Elbetal war selbstverständlich maßgeblich durch den Fluss geprägt. Ohne die Fähigkeit ihre Häuser und damit ihre Habe vor dem Wasser zu schützen, wäre der Fluss eher Schicksal als Gnade gewesen. Die Warften jedoch schützten vor normalen Hochwassern, bevor es erste Deiche gab. Nicht verhindern konnten sie den Verlust der Ernte, wenn irreguläre Wasserstände einsetzten. Andererseits sorgten die ständigen Überflutungen für eine üppige Vegetation auf Grund der natürlichen Düngung durch die Anreicherung mit Sedimenten und schufen damit einen äußerst fruchtbaren Boden, der anders als in den meisten Gegenden vor Auslaugung weitestgehend geschützt war. Hier herrschten ähnliche Verhältnisse wie im Niltal und -delta bis zum Bau des Assuandammes.

Anders als in ackerbaulich genutzten südlicheren Gegenden erschöpften sich die Böden nicht durch Nutzung, sondern regenerierten sich regelmäßig. Hinzu kam ein günstiges Kleinklima, bedingt durch die klimatisch günstige Lage in einem Flusstal mit wenigen Frost- und vielen Sonnentagen.

Dagegen stand allerdings die Gefahr einer Ernte vernichtenden Überflutung, die ein erhebliches Lebensrisiko für die Bewohner darstellte, so dass die Siedler, die man für diese Gegend anwarb, von den üblichen Abgaben befreit wurden, um einen Anreiz zu erhalten sich trotzdem hier niederzulassen. Sie wurden „Hannoverische Freie“ genannt.

Die Lehensfreiheit endete mit dem 30jährigen Krieg. Seit dieser Zeit gibt es „Hebelisten“, in denen verzeichnet war, wer welche Abgaben und Dienste zu leisten hatte. Später versicherte der König von Hannover die Höfe gegen Feuer, aber nicht gegen Wasser. Die Bauern griffen deshalb zur Selbsthilfe und gründeten den „Deichverband Norddeutschland“.

Die Häuser im alten Stiepelse dürften dem niederdeutschen Hallenhaus schon entsprochen haben, in dem traditionell Mensch und Vieh unter einem Dach zusammen lebten. Die Wärme der Tiere (Schweine, Schafe, Rinder) kam dem Menschen unmittelbar zugute. Die Wände bestanden aus Flechtwerk mit Lehmbewurf. Zunächst bauten die Siedler Hauswarften, um wenigstens ihre Höfe vor dem Wasser zu schützen, wenn das Land wieder einmal unvorhersehbar überflutet wurde. In günstigen Zeiten hatten sie dafür nicht nur reichlich Nahrung für das eigene Vieh, sondern waren auch in der Lage zur Versorgung Durchreisender beizutragen, die auf ihrem Weg nach Norden danach wenig Futter zu erwarten hatten.

Die Bodenwerte in Stiepelse gehören zu den besten in Deutschland (90 bis 94 Bodenpunkte!).
Wie wohnten die Menschen im Mittelalter?
Der Bauer des Mittelalters besaĂź keinen eigenen Grund und Boden, sondern er war abhängig von dem Grundbesitzer, dem das Land gehörte. Im Gegensatz zum benachbarten Mecklenburg gab es jedoch im Amt Neuhaus keine Leibeigenschaft. Die Bauern mussten dem Grundherrn „Zinsen“ fĂĽr den von ihnen bewirtschafteten Hof zahlen – oft in Form von Naturalien – sowie Hand- und Spanndienste leisten. Die Höfe konnten sogar vererbt werden und wurden dann von den Nachkommen weiter bewirtschaftet, waren aber nicht Eigentum.

Die Barskamper Kirchenchronik zählt im Jahre 1667 in Stiepelse 17 Höffner, drei Kötner, einen Brinksitzer sowie zwei wüste Höfe auf.

Aus dem Bleckeder Amtslagerbuch aus dem Jahre 1670 erfahren wir Näheres ĂĽber die Größe Stiepelses nach dem 30jährigen Krieg und die Abgaben, die die Bauern zu jener Zeit – nach dem Ende der Lehensfreiheit – entrichten mussten (zitiert nach „Die Heimatscholle“ vom 21. Juni 1934): „Stiepelse hat 15 gantze Hufen und ein Virtel Huffe auch fĂĽnf Köterer.“ Das GrundstĂĽcksmaĂź damals ist der Hufen. Das entspricht einer Größe von 120 Morgen oder 31,44 ha.

Noch im 18. Jahrhundert waren die Felder Gemeinschaftsbesitz. Die Regierung in Hannover drängte jedoch seit 1768 darauf „die Gemeinheit“ aufzuteilen und in Privatbesitz umzuwandeln. Die mittelalterlichen Besitzverhältnisse waren aber so tief verwurzelt, dass diese Pläne erst ab dem Jahre 1802 schrittweise durch gesetzliche Regelungen umgesetzt werden konnten. Billige Kredite erleichterten den Bauern den Kauf.