Leben im Sperrbezirk

Teilauszug aus der Dorfchronik (Autoren Hilde Diercks und Wolfgang Miehle) anlässlich der 800-Jahr-Feier im Jahre 2005:

Dadurch dass man die Elbe nach dem Zweiten Weltkrieg zur „Zonengrenze“ erklärte, wurde Stiepelse, das Jahrhunderte hindurch zu Hannover gehört hatte, jetzt Mecklenburg angegliedert.

In der Chronik von Adolf Meyer aus dem Jahre 1959 wird berichtet:
„Bis zum Sommer 1952 ruderten häufig Personen über die Elbe in die englische Zone, um sich dort die hier nicht erhältlichen Artikel zu beschaffen, aber auch Personen aus anderen Orten wurden gegen Entgelt befördert. Dabei soll es mehrmals zu unliebsamen Zwischenfällen gekommen sein. Mehrere in Stiepelse geborene Personen kamen von einer solchen Fahrt nicht zurück.“

Am 27.5.1952 traten jedoch gravierende Behinderungen für die Bewohner von Stiepelse ein. Im § 10 der entsprechenden Verordnung heißt es: „Innerhalb des 500m- Schutzstreifens ist der Aufenthalt auf Straßen und Feldern, der Verkehr aller Arten von Transportmitteln und die Ausführung von Arbeiten aller Arten außerhalb der Wohnungen nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gestattet. Die Ausführung von Arbeiten in unmittelbarer Nähe des 10 m-Kontrollstreifens ist nur unter Aufsicht der Grenzpolizei gestattet. Zum Aufsuchen der Arbeitsplätze außerhalb der Ortschaften dürfen nur die von der Grenzpolizei vorgeschriebenen Wege benutzt werden.“

Stiepelse lag innerhalb des 500 m Schutzstreifens. Als Entschädigung für diese Behinderungen wurde das Ablieferungssoll für Getreide, einschließlich Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Ölsaaten, Schlachtvieh, Milch, Eier, Zuckerrüben und Gemüse ermäßigt.

Diese Verordnung hatte zur Folge, dass mehrere Familien zwangsweise umgesiedelt wurden, weil sie als Großbauern eingestuft wurden oder als politisch nicht zuverlässig galten (Bericht von Pastor Härke). Eine zweite Umsiedelungsaktion erfolgte Anfang der 1960er Jahre. Als Anlass dafür reichte die nach Westen ausgerichtete Fernsehantenne aus.

Der Zuzug neuer Familien wurde nicht geduldet. Häuser, die nicht mehr bewohnt waren, mussten abgerissen werden. Um die Gebäude zu erhalten, gab man deshalb manchmal vor, dass sie noch bewohnt seien, indem sie auch nach dem Tod der Bewohner möbliert blieben und durch Vieh in den Ställen und regelmäßiges Begehen des Grundstücks der Anschein aufrechterhalten wurde.

Schwierigkeiten gab es zwischen der DDR und der BRD in der Frage, wo genau die
Grenze verlief: in der Mitte des Flusses oder am Ufer an der Wasserlinie? Wo aber sind Flussmitte bzw. Uferlinie bei Hochwasser?
Boote aus dem Westen durften auf dem Fluss fahren, aber nicht anlegen.

Laut Pastor Härke kam es auch in Stiepelse zu Flüchtlingsdramen. Mindestens acht Menschen wurden beim Versuch der „Republikflucht“ erschossen – sogar wenn sie das Staatsgebiet der BRD schon erreicht hatten. Mehrmals fuhren Sturmboote des Bundesgrenzschutzes in die Schusslinie und geleiteten schwimmende Flüchtlinge so an das westliche Elbufer.

Heinz Menke hatte, wie man hört, zwei –zum Verwechseln ähnliche – Schäferhunde, auf jeder Elbseite einen. Sie waren darauf dressiert die Post von einem Ufer zum anderen zu bringen. Er soll auch ein komplettes Schlafzimmer aus Bleckede für ein frisch verheiratetes Paar organisiert haben.
Auch hier finden sich viele Widersprüche. Während einerseits Heinz Menke die Grenze anscheinend frei passieren konnte, scheiterten Republikflüchtlinge.

Damals hatte fast jeder ein Boot. Nicht nur Waren, sondern auch Menschen wurden ĂĽber die Elbe transportiert. Wer die DDR verlassen wollte, tat es auf diesem Wege.

Ab 1963 / 64 lag am Flussufer eine Stacheldrahtrolle, die weitere Fluchtversuche verhindern sollte. 1973 / 74 wurde schließlich der „schwarze Zaun“ auf dem Deich errichtet, in den 1980er Jahren wurde er durch einen „Streckmetallqualitätszaun“ ersetzt, der pikanterweise angeblich aus einem Kompensationsgeschäft mit dem Westen stammte. Noch heute werden Teile davon z.B. als Kompostbehälter verwendet.

Bevor der Wachtturm in Stiepelse gebaut wurde, diente den Grenztruppen eine Hütte als Aussichtspunkt, die in einen nicht mehr benötigten Strommast der ehemaligen Verbindung zum Kohlekraftwerk Alt-Garge hineingebaut war.

Es gab „Grenzabschnittsbevollmächtigte (GABV)“, die für die Überwachung der Grenzsoldaten zuständig waren. Sie durften Personen festnehmen und hatten eine starke Machtposition im Dorf und genossen Privilegien.

Die damals jungen Menschen waren in die Situation hineingewachsen. Sie empfanden laut Uwe Stüve das Leben im Grenzgebiet als normal und frei. Für sie waren die Ausgangssperren und das Fotografierverbot im Freien selbstverständlich. Andere Stimmen hoben hervor, dass man für den Besuch seiner nächsten Verwandten im nahen Neuhaus langfristig Passierscheine beantragen musste. Die persönlichen Beziehungen zu den Mitgliedern der Grenztruppen spielten dabei vermutlich eine wichtige Rolle. Den später Hinzugezogenen fiel es wohl schwerer die Verhältnisse zu akzeptieren.